Flüchtlingselend – wirklich wirkende Ursachen

Friedenmachen aktuell                  Über die Hintergründe der Katastrophe

i. m. Mani Stenner
1954 – 2014

Die ideologische Militarisierung der letzten Jahrzehnte in Deutschland mit dem Höhepunkt Anfang 2014, als höchste Staatsrepräsentanten, wie vormals Feldprediger und Marke­tenderin, auf der Münchener Sicherheitskonferenz sich vor diesen Kar­ren spannten, samt unserer weltmeisterlichen Bronzemedaille als Waf­fenexporteur erster Klasse, fliegen uns diesen Herbst in Form des Flüchtlingselends um die Ohren.
Nun muss die notwendige Akuthilfe aus Barmherzigkeit, aber auch we­gen unserer eigenen Zukunftsinteressen laufen, so gut es geht.

Genau so wichtig ist es, als Ursache immer wieder zur Sprache zu bringen, dass es der Krieg ist, der zu all dem führt, dass diese Kriege, unmittelbar nach dem sich Totrüsten des Ostblocks, von 1995 an sichtbar (das lässt sich an den SIPRI-Statistiken ablesen), systema­tisch vorbereitet, angezettelt und geführt wurden, dass ALLE Industrie-Nationen, westliche wie östliche, mit den Ölstaaten des mittleren Ori­ents als Zwischenhändlern, Waffen und Munition dafür liefern, dass die Logistik und die Wege für Waffen, Munition, Drogen, Menschenhandel etc. und nun auch für das lukrative Flüchtlingsgeschäft ein und diesel­ben sind, dass die gesamte organisierte Kriminalität – staatliche, ge­heimdienstliche inkl. Spezialkommandos, die international bandenmä­ßige und die globalisiert finanztechnische – daran beteiligt und eine Riesenmenge Geld dabei im Spiel und auf dem Markt ist.

Die Bekämpfung dieser wirklichen Ursachen für das Flüchtlings­elend ist politisch nicht gewollt, denn sonst würden Staaten die Grenzen nicht gegen die Flüchtlinge befestigen und sperren, sondern verhindern, dass Waffen, Munition und Geld über sie hinweg transpor­tiert werden, was keineswegs leicht, aber besser machbar wäre, als das momentane dilettantisch unter Zank und Streit der politischen Akteure laufende Verfahren.
Nur 10% der 1.750 Mrd. US-$ –, jährlich an Steuergeld weltweit von den UN-Mitgliedstaaten direkt für Waffen, Militär und Krieg ausgege­ben, reichten aus, den Wahnsinn zu stoppen, die Konfliktherde auszu­trocknen und durch Hilfe zur Selbsthilfe den Flüchtlingen in ihren Hei­matländern das Leben lebenswert zu machen.
Ein politischer Paradigmenwechsel, der in der Folge zu Abrüstung und Frieden ohne Waffen führt, liegt nach wie vor in weiter Ferne, wenn ihn die Zivilgesellschaft, die Masse der Bürger nicht erzwingen kann. Sie allein sind dazu in der Lage, aber erst, wenn sie Weltbürger geworden sind, aufgehört haben, sich in nationalen Egoismen heimisch, heimat­lich zu fühlen, oder sich als Konkurrenz-Europäer, -Amerikaner, -Chi­nesen etc. zu begreifen – dann, wenn sie sich allenfalls noch kulturell einer Ethnie zugehörig fühlen, jedoch sich von niemandem mehr einre­den, neolinguistisch einprogrammieren lassen, dass jemand mit einer anderen Kultur, Religion, Weltsicht, Hautfarbe oder beliebiger Merk­male ihr Feind wäre.

Motor der spaltenden Prozesse (ARNO PETERS, ebenda S. 20), die wechselwirkend zu dem vor­liegenden katastrophalen Ergebnis führen, ist der Markt an sich, nicht das Kapital, das Geld, das ist nur eines von vielen Instrumenten und Werkzeugen – eins der wirksamsten, das steht außer Frage.
Werkzeuge entwickeln sich und werden entwickelt, wechseln – wech­seln ihre Rolle.
Und die „Gier“ ist nicht die Ursache unseres Dilemmas, auch wenn sie das Feuilleton wieder und wieder als solche benennt. Eine ganze Reihe von gewöhnlichen menschlichen Verhaltensmustern, transitive wie in­transitive, erweisen sich am Markt als erfolgreich, wenn es darum geht, sein Gegenüber beim Austausch von Gütern und Dienstleistungen ge­winnbringend übers Ohr zu hauen (weil ja geredet wird), über den Tisch zu ziehen (in seine Nähe, weil dann die Rede noch eindringlicher ist).
Warum erfolgreiche Verhaltensmuster von Generation zu Generation „vererbt“ werden, ist naheliegend – warum die Benachteiligten aus ih­rem Verhalten wenig lernen, ist komplexer Natur, das müssen Verhal­tenspsychologen erforschen und zu erklären versuchen. Die Verkaufleu­te wissen es intuitiv und nutzen es.

Markt als System ist mindestens 10.000 Jahre alt und hat sich als Krieg jeder gegen jeden etabliert – Konkurrenz – die das Geschäft belebt. Das Sinnbild des Dschungels dafür ist ein apologetischer Denkfehler.
Dschungel ist ein gut funktionierendes Ökosystem, solange der Mensch nicht hineinpfuscht.

Friedlich ist Dschungel nicht, Krieg und Frieden sind menschliche Ka­tegorien, keine Naturphänomene, werden von uns auf Tiere und Pflan­zen projiziert, um Menschenverhalten teleologisch zu begründen.

Markt funktioniert nach Regeln, die keine Naturgesetze sind, sondern Menschenwerk, und die Regeln sind alt, uralt. Aus dem Verhalten von Menschen abgeleitet, werden sie zielgerichtet so modifiziert, dass sie Verhalten von Menschen steuern und regeln können, ohne dass es de­nen jederzeit bewusst ist.
Das Ziel ist die Selbsterhaltung des Marktes unter Beibehaltung der bisher geltenden Grundregeln, Gesetze und Durchführungsverordnun­gen für
1. Arbeit,
2. Geld ,
3. Eigentum an Naturressourcen als Produktionsmittel

zum Vorteil derer, die am Markt profitieren.

Das Wesen des Marktes ist Vorteilsnahme, der Vorsprung der Händler gegenüber den alles bezahlenden Konsumenten, ist Meistbegünstigung.

Dabei ist die Interessenlage komplex und ambivalent, Händler koope­rieren nur temporär und zielgerichtet mit ihresgleichen, solange es um gemeinsame Interessen geht, ansonsten sind auch sie bzw. sie auch Konkurrenten untereinander.
Konsumenten sind zugleich sowohl Produzenten bzw. Dienstleister, als auch „Arbeitnehmer“ (Konkurrenten), die vor dem Verkauf ihrer Ar­beitsleistung zum Lebensunterhalt der Familie den Kontrakt mit dem Unternehmer (Untennehmer?) aushandeln müssen, auch wenn sie das an gewerkschaftliche Unterhändler delegieren können. Und sie agieren, handeln als Kleinanleger am Finanzmarkt, nicht nur direkt durch Kauf von „Finanzprodukten“, sondern sogar bei jeder Versicherung und auch, wenn sie sich eine sozialstaatlich geförderte zusätzliche Alters­vorsorge wie die Riester-“Rente“ finanzieren (was kaum einer der Be­troffenen so richtig realisiert). Auch als sie sich im vorigen Jahrhundert Zinsen auf dem Sparbuch gutschreiben ließen, war das so.
Und immer dabei – Konkurrenz. Jeder gegen jeden! Am Ende Krieg. Der ist das Überdruckventil für die systemimmanenten Überprodukti­onskrisen, schafft neuen Absatz, wenn nichts mehr geht, füttert die grauen Märkte der organisierten Kriminalität.
Als die menschlichen Gesellschaften noch weitgehend auf Realwirt­schaft beruhten, hielten sich die Auswirkungen dieser sozial kontrapro­duktiven Fehlorganisation in Grenzen. Die Gewinne der einen waren die Verluste der anderen, wer sowieso wenig besaß, hatte auch kaum et­was zu verlieren, ausgleichende Ungerechtigkeit sorgte für Umvertei­lung unter den Angehörigen der Oberschicht, der „ehrliche Kaufmann“ war noch hochangesehen.
Mit dem Eintritt ins Computerzeitalter änderte sich das extrem. Zwar waren schon vorher die Weichen in Richtung Finanzwirtschaft gestellt worden, die Weltwirtschaftskrise nach dem 1. Weltkrieg war eine Folge davon, und sie traf die kleinen Leute und Kriegsopfer am härtesten. Alle hatten Verluste, doch es ist ein großer Unterschied, ob man von wenig die Hälfte verliert, oder von viel.
Arme fallen dabei unter das Existenzminimum, Habenichtse scheinen im Vorteil, in der allgemeinen Not fehlt ihnen jedoch dann auch das Nötigste.

Kein Vergleich aber mit der heutigen Situation, bei der es sich um eine Überproduktionskrise von Geld und Finanzderivaten han­delt. Die Geldmenge wächst exponentiell. Mit den Kursen an den Bör­sen in immer größeren Amplituden schwankend, läuft die Kurve immer steiler nach oben. In wenigen Jahrzehnten sind aus den Millionen in den Statistik-Tabellen und dementsprechend in Zeitungsmeldungen und News Milliarden, in wenigen Jahren aus den Mrd. Billionen geworden. Das sind Sprünge um jeweils 3 Größenordnungen. Die Riesenverluste bei den Abschwüngen betreffen längst nicht mehr einzelne Player, sie werden zu Verlusten der gesamten Gesellschaft, von denen einzelne profitieren, weil sie darauf gewettet haben.

Die virtuelle Geldmenge in den Computerspeichern hat längst jeden Bezug zur Realwirtschaft verloren und führt, von Algorithmen manipu­liert und vermehrt, ein Eigenleben im Hochfrequenzhandel. Anderer­seits ist Geld psychologisch ohne Realwirtschaft nicht denkbar, weil diese außerdem die Lebensgrundlagen der ebenfalls – wenngleich viel langsamer als die Geldmenge – wachsenden Menschheit schaffen muss.
Vagabundierendes Kapital sucht sich zwangsläufig die Geschäfte, bei denen der höchste Gewinn zu erwarten ist, also die grauen Märkte der organisierten Kriminalität, Militär und Kriege samt Folgeerscheinungen in der Realwirtschaft, sowie in der Finanzwirtschaft die Bereiche, die durch Lücken in Gesetz, aber noch vielmehr durch Lobbyaktivität pass­gerecht gemacht, vielversprechend sind.

In diesem Licht betrachtet, ist die vor fast zwei Jahrzehnten von der FED in den USA begonnene und in den vergangenen 10 Jahren von der EZB für Europa übernommene Niedrig- resp. Null-Zins-Politik markttechnisch nur folgerichtig, wenn auch zivilisatorisch verheerend im wahrsten Sinne des Wortes. Das Management dieser von demokrati­schen Kontrollgremien, staatlichen und sonstigen zivilgesellschaftli­chen Direktiven „unabhängigen“ Finanzmarktorganisatoren ist vorwie­gend durch die Schule von Goldmann-Sachs gegangen, im globalen Fi­nanzkonglomerat BlackRock u. ä. mehr oder weniger konspirativen Bünden vernetzt und mit einschlägigen Think Tanks sowie Medienkon­zentrationen verbunden. Diese Systeme sind heute die Weltherrscher, die Herren des Spiels als Globalplayer, und sie haben durch ihr Werk­zeug Lobbyismus mehr Macht als jeder vormalige Kaiser, jeder heutige Staatspräsident und jede Kanzlerin.

Die Klammer, die all das zusammenbindet, ist die stillschweigende, ungeschriebene Vereinbarung als imperative Direktive, dass mit dem Geld aus den Gewinnen von Finanzmarktspekulationen, genau wie mit den viel geringeren aus Produktion und Dienstleistungen, in den kleinen Stückelungen auch im Supermarkt bezahlt werden kann, noch besser, Grund und Boden, andere Naturressourcen und jedes Produkt, jede, auch kriminelle Dienstleistung der Welt privat gekauft, jeder willi­ge Politiker bezahlt und korrumpiert werden kann, damit die bisherigen Markt-Grundregeln erhalten bleiben und Optimierung nur in eine Rich­tung stattfindet: Freihandel, Freiheit für alle, aber die meiste Freiheit fürs Geld und für die, die das meiste haben.

Die Grundregeln sorgen für die Spaltung der Gesellschaft in wenige Reiche und viele Arme, in Herrscher und Beherrschte, in zwei Klassen.
Jahrtausende lang sorgten absolutistische Herrscher, Clanchefs, Häupt­linge, Fürsten, Emire, Könige, Fürstbischöfe, Sultane, Kaiser und Päps­te mit der Hilfe von Priestern, Kriegern, Händlern, Advokaten und höfi­schen Lakaien für den Bestand dieser Grundregeln, in Stein gemeißelt seit HAMMURABI, danach dem Buch der Bücher dreier monotheistischer Religionen, dem Römischen Recht, dem BGB und vielen weiteren Ge­setzestafeln.
Die Helfer jeweils wurden fürstlich mit Titeln, Privilegien, Grundeigen­tum, anderen Pfründen und Geld entlohnt, was bis in die heutige Zeit nachwirkt.
Über 2000 Jahre benötigte Demokratie, in diese Rolle hinein zu wach­sen und füllt sie nun seit 200 Jahren differenziert, mehr oder weniger gut aus, ohne die Grundregeln zu korrigieren oder gar zu wechseln.
Religionen, Propheten, Philosophen, andere große Geister und Revolu­tionäre mit ideologischen Gesellschaftsexperimenten im Nachgang konnten daran wenig ändern.
Die Regeln blieben, gravierten Steinzeit-Verhaltensmuster immer wei­ter fortlaufend durch prägende Erziehung, auch durch das Prinzip Stra­fe und Belohnung – Zuckerbrot und Peitsche, Leckerli und Liebesent­zug sowie analoge Dressurmethoden – in das Generationen-Gedächtnis und bestätigten überdies für jede neue Generation angeborenes Verhal­ten aus dem Genom der Menschen.

Dabei wird nun schlussendlich die Diskrepanz zwischen den unter­schiedlichen Evolutionsgeschwindigkeiten von biologischen Indi­viduen, Arten und Ökosystemen einerseits, der von den Menschen als Handfertigkeit und Denkleistung eingebrachten Technik/Technologie inklusive Kultivierung andererseits, deutlich sichtbar, – wobei letztere den Lebensplaneten Erde entscheidend verändern, immer schneller ver­ändern, auch die resultierenden oberflächlichen Verhaltensmuster der Menschen generationsweise, z. T. regional unterschiedlich verändern, das Grundverhalten aber weitestgehend unbeeinflusst lassen. –
Biologische Evolution hat naturgesetzlich fixierte, langsame Zeitabläu­fe. Technologie beschleunigt sich eigengesetzlich nach dem Chaos-Prinzip, von Erfindern und Erfindungen, vom Markt auch, beeinflusst.
In dem Maße, wie Gehirnleistungen informationstechnisch nachvollzo­gen werden können, wird eine Tendenz zur Verselbständigung immer wahrscheinlicher. Künstliche Intelligenz scheint so nicht mehr unmög­lich.
Dieser Entwicklung können menschliche Steinzeit-Verhaltensmuster wie Egoismus, Kampf jeder gegen jeden, tödliche Konkurrenz, Krieg etc. nicht mehr gerecht werden, weil die Gefahr der Selbstvernichtung, des Aussterbens der Art – vieler Arten – besteht.
Das Abschaffen von Waffen, Militär und Krieg kann nur ein dringlicher Notbehelf, ein unabdingbarer erster Schritt sein. Im bestehenden krie­gerischen Wirtschaftssystem wird jede Technik, jede Erfindung zur Waffe, wenn sie dementsprechend gegen Konkurrenten und nicht uni­versell kooperativ eingesetzt wird.

Notwendig ist eine geisteswissenschaftlich fundierte, sozial­politisch gestaltete gesellschaftliche Transformation als Mehr-Generationen-Lernprozess (inkl. Elementen von Verhaltenstherapie), der sozialwissenschaftlich konzipiert, begleitet und evaluiert, aber auch sozial planerisch konstruiert und informations-ingenieur-technisch mo­delliert, in Varianten durch Pilotprojekte experimentell ausprobiert, in die Wege geleitet, optimiert und laufend global öffentlich publiziert werden muss.
Anfallende Konflikte sind eine Sache von Mediation.

Eine menschliche Riesenleistung, wie sie unter den Bedingungen gegenwärtiger Wirtschafts- und Bildungsstrukturen nicht zu erwarten ist, aber als politischer Lernprozess auf dem Wege in eine friedliche Welt unumgänglich sein wird.

Friedenmachen lernen, indem Frieden praktiziert wird.
Frieden schaffen ohne Waffen!
Die Friedensaktivisten müssen erkennen, dass sie endlich verbunden und konzertiert zielgerichtet arbeiten und handeln sollten, nicht mehr zersplittert, so aktionistisch wie bisher orientiert, weiterkämpfen kön­nen.
Andere soziale Bewegungen und Netzwerke müssen realisieren, dass sie alle strategisch in erster Linie Friedensbewegung sind.
rto.151015,16,28;1101,02,08

 

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s